Ideenreich

Perlen- und Schmuckgestalterin Martina Schlemminger ist fantasievoll und begabt. Ihre gläsernen Fliegenpilz-Persönlichkeiten sind inzwischen ihr Markenzeichen
Andrea Ott | 5. Dez, 2017

Schwäbisch Hall ist ein mittelalterliches Städtchen im Nordosten Baden-Württembergs. Fachwerkhäuser und enge Gassen bilden den schmucken Rahmen für ein buntes wie gemütliches und weltoffenes Miteinander. Geschichte ist hier lebendig und anfassbar: Das Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen mit 70 historischen Gebäuden und Vorführungen veranschaulicht Lebensweise und handwerkliche Tätigkeiten früherer Zeiten. Zudem ist es eine kulturell lebendige Stadt mit dem Goetheinstitut, dem Hällisch-Fränkischen Museum, einer Vielzahl sommerlicher Freilichtspiele, der Kunsthalle Würth und jährlichen Festen wie dem „Freundschaftstag“, an dem sich Menschen und Vereine aus einer Reihe von Ländern und Kulturen zu Gesang, Tanz und lukullischen Genüssen treffen. Kein Wunder, dass Martina Schlemminger ihre Heimatstadt liebt, von „italienischem“ Flair spricht und ergänzt, dass es hier die besten „Brezeln“ gibt. Martina übt das „Handwerk des Glasperlenmachers“ aus – doch halt! Diesen Beruf gibt es offiziell in Deutschland gar nicht mehr, denn er wurde vor Langem von der Regierung aus der Handwerksrolle gestrichen. Martina erzählt uns: „In den 70er-Jahren kam das Glaswickeln langsam aus Amerika nach Deutschland zurück – als Hobby. Das meiste Handwerkszeug, das dafür benötigt wird, stammt aus Amerika. Aus Deutschland kommt eher das Zubehör für Glasbläser, die brauchen alles etwas größer: Sie arbeiten mit Sauerstoffflaschen und haben einen Erdgasanschluss, während die Wickler eher Sauerstoffkonzentratoren und Gasflaschen brauchen und sich ihren Abzug selber bauen. Jeder ist kreativ und nutzt Dinge, die er irgendwo findet und die ihm nützlich sind. Ich benutze z. B. eine Kakteenschaufel zum Arbeiten, aber der Brenner an sich, der kommt aus Amerika.“ Martina steckt tief im Thema, hat sich auch mit der Geschichte der Glasperlen beschäftigt. Sie erzählt, dass schon vor 5.000 Jahren Perlenwerkstätten existierten. In Deutschland wurden sie gegen Ende des ersten Jahrhunderts von den Römern etabliert; im fränkischen Raum gab es ihrer viele. Man hat Gräber aus der Merowingerzeit (5.–8Jh.,) benannt nach einem fränkischen Königsgeschlecht gefunden, die als Beigaben Perlen – ursprünglich zu Schmuck verbunden – enthielten. Warum liegt ihr dieses Thema so am Herzen? Sie berichtet: „Ich habe in meiner Heimatstadt bei der Behörde gelernt, wechselte danach in eine Ausbildung als Dekorateurin nach Stuttgart, ging dann in die Industrie als Einsatzplanerin. Als durch den Verkauf der Firma meine Stelle gestrichen wurde, ging ich zurück nach Schwäbisch Hall. Hier bekam ich einen neuen Job – und eine neue Katze: einen Kater aus dem Tierheim. Ich ließ ihn an der Leine unseren Garten erkunden. Als ich kurz abgelenkt war, riss er sich los, und rannte auf die Straße. Ich konnte ihn zurückreißen – um den Preis, dass er mich in die linke Hand biss. Er war früher misshandelt worden. Diese Wunde verursachte eine Sepsis, die bis zum Ellbogen reichte. Ich hatte 3 Not-OPs und 3 Wiederherstellungs-OPs. Dann erhielt ich die Aufgabe, meine Hand zu trainieren, nämlich Perlen aufzufädeln! Da habe ich mir im Internet die kleinsten bestellt und versucht, diese mit der linken Hand zu greifen und mit der rechten eine Nadel durchzuschieben. Meine Übungen führten dazu, dass ich meine Arbeitskollegen mit selbstgemachten Ketten versorgte. Ein Kollege erwähnte, dass seine Frau Glasperlen selber herstellen würde und ich solle doch mal kommen. So lernte ich Christiane Strauss (www.christianestrauss.net) kennen, die mir dann auch die Grundlagen beibrachte. Als ich meine ersten Perlen wickelte, konnte ich mit der Linken noch nicht einmal eine Kaffeetasse halten, ohne dass sie wackelte; das war Ende 2007. Anfang Oktober 2008 habe ich den Kurs bei Christiane gemacht und innerhalb weniger Tage mir einen Brenner zugelegt. Zu der Zeit wechselte ich auch meinen Beruf, um von 120% auf normalere Arbeitszeiten zu kommen. Ich begann, meine Werke auf Märkten anzubieten, und stellte meine ehrenamtliche Mithilfe dem Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen zur Verfügung: als erklärende Vorführerin des historischen Berufes des Glasperlenwicklers. Kurse konnte ich mir keine leisten, daher schaute ich mir Werke von Kollegen an und saß jeden Abend am Brenner, um zu üben. Ich wollte mich selbständig machen, was meine Mentorin Christiane gar nicht lustig fand, da dies zu früh sei und man davon nicht leben könne. Ich hörte nicht auf sie. Wunderbar, dass das Arbeitsamt diesen Schritt mit Förderung unterstützte. Mir kamen und kommen viele Ideen, die auszuprobieren sind – eigentlich viel mehr, als ich testen kann. Alle Informationen, die mit Glas zu tun haben, werden quasi von mir aufgesaugt und verinnerlicht. Ich habe mir eine recht große Bandbreite an Techniken erarbeitet. Bei manchen Kollegen ruft dies Misstrauen hervor, sie vermuten, ich würde mich mit fremden Federn schmücken. Danke, Kater Tom! Ich hätte nie ohne dich angefangen … ich kann allerdings auch nicht mehr aufhören!“ Martina Schlemminger ist für die Glashütte Lauscha (Thüringen) als Glastesterin tätig. Sie testet die Kompatibilität dieser Gläser mit dem Material anderer Anbieter. Im Zuge dessen hat sie z. B. im Laufe von 2 Jahren eine Temperkurve entwickelt (Anm. d. Red.: dabei geht es um die Abkühlgeschwindigkeit für heißes Glas, damit es nicht springt) für Glas von Lauscha, das mit Glas von Murano verschmolzen ist – landläufig eigentlich als unmöglich angesehen. Der Leiter der dortigen Glasfachschule bescheinigte ihr folgerichtig, „Glas im Blut“ zu haben. Martina hat ihr Atelier „die kleine verroterie“ zusammen mit Verkaufsraum in einem oberirdischen Gewölbekeller von 60qm. „Ich hätte nie gedacht, dass das finanziell zu schaffen ist, denn Perlenwickeln ist eigentlich eine brotlose Kunst. Doch ich kann davon leben“, sagt sie. Aufkommende Probleme sieht sie nicht als Stolper- sondern als Trittsteine, um weiterzukommen. Findigkeit zusammen mit der ihr eigenen Beharrlichkeit helfen ihr. Ein Beispiel: Wegen der vielen Touristen, wünschte sie sich die Erlaubnis, auch an Sonntagen öffnen zu können, was ihr nicht gewährt wurde. Da sie jedoch auch Sammlerin alter Glasobjekte, besonders solcher von Lauscha, ist, eröffnete sie kurzerhand das „kleinste glasmuseum“ von Schwäbisch Hall – direkt in ihrem Atelier. Wir freuen uns, auf diesen Seiten einige ihrer vielen und vielseitigen Werke vorstellen zu können!

Quelle: http://www.verroterie.de